Was ich trotz 40 Jahren nicht über «meine» Stadt wusste

Ein Erfahrungsbericht von Alexandra Eze

In Zusammenarbeit mit der Stiftung MyHandicap (EnableMe) haben wir Alexandra Eze im April 2026 auf der neuen inklusiven Stadtführung «Gemeinsam unterwegs in St.Gallen» begleitet. Dieser Erfahrungsbericht zeigt, wie Alexandra die Stadt, in der sie aufgewachsen ist, völlig neu erlebt.

Von Gallus bis zum Bärenplatz

Geboren und aufgewachsen in St.Gallen, kenne ich die Stadt in- und auswendig. Zumindest dachte ich das. Denn was ich bei der inklusiven Stadtführung «Gemeinsam unterwegs» erfahre, überrascht selbst mich als eingefleischte St.Gallerin, die hier arbeitet, ihre Kinder grosszieht und regelmässig die Flohmärkte der Stadt besucht.

Los geht es bei der Tourist Information an der Bankgasse. Unsere Stadtführerin Christa Nüesch führt uns durch die Altstadt. Wir gehen am Klosterhof und der Kathedrale vorbei, weiter zum Stadthaus und schliesslich bis zum Bärenplatz. Die Route ist rollstuhlgängig, die Sprache bewusst einfach gehalten. Christa spricht klar und in einer angenehmen Lautstärke. Für mich ist das entscheidend, damit ich trotz meiner Hörbehinderung alles gut mitverfolgen kann.

Kein Zufall: Die Führung wurde zusammen mit Menschen mit Behinderungen vom Sozialunternehmen Valida entwickelt. Die sogenannten «Valida-Guides» sind bei der Führung dabei, um ihr Wissen und ihre Erfahrungen zu teilen. Das gefällt mir. Und auch die Guides haben Freude an ihrer Aufgabe, wie eine von ihnen erklärt: «Es ist toll, dass ich bei den Führungen mein Wissen weitergeben kann. Anderen einen neuen Blickwinkel zu ermöglichen, macht mich sehr glücklich!»

Eingeschlossen, ausgeschlossen

Vor der Kathedrale bleiben wir stehen. Christa erzählt uns von der heiligen Wiborada. Sie liess sich im Jahr 916 in eine Zelle einmauern und lebte dort über Jahre hinweg. Durch ein kleines Fenster stand sie mit der Aussenwelt in Kontakt und unterstützte Menschen mit ihrem Rat. 1047 wurde sie als erste Frau vom Papst heiliggesprochen und gilt bis heute als Schutzpatronin der Bücher und Bibliotheken. Christa spannt den Bogen zur Führung: Wiborada war die erste «Inklusin» der Stadt, denn das lateinische «inclusi» bedeutet «eingeschlossen». Der Unterschied zu heute ist aber entscheidend: Wiborada hatte ihre Isolation selbst gewählt. Für Menschen mit Behinderungen ist das oft nicht der Fall. Vielmehr schottet sie heute die Gesellschaft mit ihren Vorurteilen ab.

Stolpersteine, Stufen, schwere Türen

Während der Führung fallen uns immer wieder Hindernisse auf. Rampen sind zu steil oder fehlen ganz. Beim Befahren von Pflastersteinen werden Menschen im Rollstuhl regelrecht durchgeschüttelt. Ein besonders eindrückliches Beispiel ist das barrierefreie WC auf dem Klosterareal. Die Tür ist so schwer, dass sie für viele Menschen im Rollstuhl kaum zu öffnen ist. Wer die Klinke greifen und gleichzeitig nach hinten fahren muss, stösst schnell an seine Grenzen. Das zeigt deutlich: Gute Absichten reichen nicht. Wenn man Betroffene nicht in die Planung einbezieht, nützen die besten Lösungen nichts. Als Fussgängerin habe ich solche Hürden bisher kaum wahrgenommen. Umso mehr beschäftigt es mich, sie jetzt bewusst zu sehen.

Zwei Stunden, 1400 Jahre Geschichte

Neben den Barrieren überrascht mich noch etwas anderes: wie viel ich über meine eigene Stadt noch nicht wusste. Dass die hiesigen Stickereien zum Beispiel einst die Hälfte des weltweiten Bedarfs an Stickereiprodukten abdeckten. Oder wie viele Bücher die Stadtbibliothek beherbergt. «170’000», erklärt Christa und lacht. «Das sage ich schon seit Jahren. Es dürften inzwischen deutlich mehr sein.»

Nach zwei Stunden endet die Führung am Bärenplatz. Zum Abschluss spricht Christa über gegenseitigen Respekt und darüber, dass Inklusion uns alle angeht. Auf dem Heimweg durch die mittlerweile fast leere Stadt bin ich mir sicher, dass ich «meine» Stadt beim nächsten Flohmarktbesuch mit anderen Augen betrachten werde.

Erlebe die Stadtführung «Gemeinsam unterwegs»

Die inklusive Stadtführung zeigt bekannte Orte aus einer neuen Perspektive. Vom barocken Hauptportal der Kathedrale über den Klosterhof bis zum Stadthaus geht es nicht nur um Sehenswürdigkeiten, sondern auch um Barrieren im Alltag. Wie zugänglich ist die Stadt wirklich? Wie fühlt sich Kopfsteinpflaster im Rollstuhl an? Themen wie Rampen und Eurokeys werden interaktiv, augenöffnend und mit einer Prise Humor vermittelt - rollstuhlgängig und in einfacher Sprache.

Neben den öffentlichen Führungen können auch private Führungen gebucht werden.

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